Kafka-Sequenzen zum Schloss: Die zweite Aufklärung
Zusatztext
Kann denn ein einzelner Beamter verzeihen? - Das könnte doch höchstens Sache der Gesamtbehörde sein, aber selbst diese kann wahrscheinlich nicht verzeihen, sondern nur richten. Damit ist das Grundgesetz einer Gesellschaft auf einen Nenner gebracht, die weder ein heiliges Recht im Sinne einer göttlichen Rechtsordnung noch ein verbrieftes Menschenrecht kennt - es handelt sich um Kafkas Welt, deren Konturen sich bereits im Prozess abzeichnen. Daher die Feststellung seines Protagonisten im Schloss: In der Erzählung Olgas eröffnete sich ihm eine so große, fast unglaubwürdige Welt, daß er es sich nicht versagen konnte, mit seinen kleinen Erlebnissen an sie zu rühren, um sich ebenso von ihrem Dasein als auch von dem eigenen deutlicher zu überzeugen. Die Überzeugungsarbeit hat Kafka in seinem Romanfragment, wenn nicht in seinem Gesamtwerk, insbesondere aber in dem Olga-Komplex des Schlosses geleistet: eine zweite Aufklärung, die vorausweisend der Nachwelt Aufschluß über die Höllenperspektive des 20. Jahrhunderts gewährt, für die gemeinhin der Name Auschwitz steht. Kurzum: Kafka hat uns die Urgeschichte der Shoah hinterlassen.
Autorenportrait
Kurt Anglet, geb. 1951 in Northeim; Studium der Theologie, Philosophie und Germanistik in Frankfurt/Main und Münster; Promotion in Fundamentaltheologie 1988, Habilitation in Dogmatik 2003 in Breslau; Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Alois Kardinal Grillmeier an "Jesus der Christus"; Priesterweihe 2002 in Berlin.
Weitere Details
Erschienen: 19.07.2006
Umfang: 292 S.
Sprache: Deutsch
Einband: GEB
Format: 2.6 x 21 x 13.3 cm
ISBN/EAN: 9783429028442
Umbreit-Nr.: 1036478
